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Deadlines und selbstgemachte Probleme

Drei Wochen vor der Deadline.

Auf der Couch, der Laptop in Reichweite, daneben eine dampfende Tasse Kakao. Die Welt hinter der Fensterscheibe ist in ein schmuddeliges grau getaucht. In meinem Hinterkopf das Ticken der Deadline, unablässig, unbarmherzig. Ein selbstgemachtes Problem kriecht unter dem Sofa hervor. Es schüttelt sich den Staub vom Leib und guckt listig zu mir auf. Warum ich nicht darüber nachdenke, meine Haarfrisur endlich mal zu verändern, fragt es vorwurfsvoll. Die Masche zieht immer.

Nach zweistündigem Grübeln gehe ich den ersten großen Schritt: eine Pro- und Contra-Liste, erst im Kopf, dann auf dem Papier. Unsicher sein. Eine weitere Liste direkt neben der ersten, mit Gewichtung der einzelnen Pro’s und Contra’s. Unentschieden sein. Vor dem Badezimmerspiegel stehen, das Spiegelbild anstarren, die Haare zerstrubbeln. Regenwettergesicht. Die Haare doch vorgestern erst gewaschen! Verärgert bei Google eingeben: Haare werden schnell fettig.

Über die Googlevorschläge wundern. Aufsehen und beim Anblick des eigenen Regenwettergesichts im Spiegel erinnern, warum ich vor dem Badezimmerspiegel stehe. Die Haare von Seitenscheitel auf Mittelscheitel kämmen, dann wieder zerstrubbeln und schließlich zum Dutt machen. Bei Google eingeben: Welche Frisur steht mir? Es regnet Informationen.

Die Websites fragwürdiger Mode- und Frauenzeitschriften sagen: Die Frisur steht und fällt mit der Gesichtsform. Das fängt bereits mit dem Scheitel an, laut Grazia sieht ein rundes Gesicht dank Mittelscheitel schlanker aus, wohingegen ein quadratisches Gesicht und ein eckiges Kinn dank Seitenscheitel weicher wirken. Kein Scheitel bei ovalem Gesicht und Locken! Bei großer Stirn, markanten Wangenknochen und spitzem Kinn braucht es schon einen sogenannten „Superscheitel“. Ich habe keine Ahnung, was ein Superscheitel ist. Ein Fenster ploppt auf, hier entlang zum Psychotest: Welche Frisur steht mir?

Internet schließen, Dutt öffnen, Haare zerstrubbeln, ins Bett gehen, nicht schlafen können, Entschluss um 03 Uhr morgens fällen, um endlich selbstzufriedenen Schlaf zu finden. Beim Frühstück: Friseur raussuchen, Google Maps sagt: der ist ja um die Ecke! Anziehen, losgehen.

„Hi, wie kann ich dir helfen?“ „Ich will meine Haare abschneiden lassen.“ „Nur schneiden oder auch färben?“ „Nur schneiden.“ „Okay, der nächste freie Termin ist in knapp drei Wochen.“

Das selbstgemachte Problem lehnt am Türrahmen und nickt zufrieden. Bis zum Termin verbringen wir Tag und Nacht zusammen. Mit dem Vorher-Vorher-Nachher-Foto in der Hand geht es schließlich ohne ein Wort des Abschieds.


Wenige Tage vor der Deadline.

Auf der Couch, der Laptop in Reichweite. Neuer Haarschnitt auf dem Kopf. Vor dem Fenster: Der Frühling. Vor meinen Augen: der Terminkalender. Wie das Krokodil von Peter Pan tickt in meinem Hinterkopf: die mittlerweile rotleuchtende Deadline. Im Nebenraum: Meine Motivation. Ich rufe sie, doch sie hört nicht. Langsam kriecht meine Bequemlichkeit aus einer Sofaritze hervor, schüttelt sich altes Popcorn und ein paar Fussel vom Leib und verzieht das Gesicht. Jetzt zu arbeiten, findet sie doof. Pack den Schlepptop weg. Lass lieber entspannt Wein trinken und sowas, sagt sie.
Ich hasse es, wenn jemand Schlepptop sagt. Das interessiert die Bequemlichkeit nicht. Ich rufe erneut nach meiner Motivation, doch von nebenan kommt noch immer keine Reaktion. Vielleicht ist sie eingeschlafen. Ich werde dich nie wieder in Ruhe lassen, wenn du jetzt nichts mit mir machst, sagt die Bequemlichkeit und guckt trotzig. Ich werde wütend und will gerade ein bisschen schimpfen, da kriecht ein neues, selbstgemachtes Problem unter dem Sofa hervor. Wie viel Platz ist eigentlich unter meinem Sofa, dass ihr da alle rauskommt? Das neue selbstgemachte Problem zuckt mit den Schultern und meint, es fungiere in diese Angelegenheit nur als Streitschlichter.
Es heißt nun Deadline versus Rumhängen. Wir würfeln das aus, sagt meine Bequemlichkeit. Ich will ein Best-Of-Three, aber die anderen beiden schütteln den Kopf. Nee, Best-Of-Tausend, sagt die Bequemlichkeit. Das ist statistisch korrektes Auswürfeln, ergänzt das neue selbstgemachte Problem wichtigtuerisch. Ich bin überstimmt. Die Bequemlichkeit befiehlt mir, die Würfel zu holen, sie selbst ist zu faul zum Aufstehen. Augenverdrehen. Dann: Schulterzucken. Jeder hat sein Päckchen zu tragen und wer keins hat, muss sich eins suchen. Der Abend ist sowieso gelaufen. Dann würfeln wir das eben jetzt aus. Das neue, selbstgemachte Problem schenkt uns derweil Wein ein und klappt meinen Laptop zu.

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